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Sind Geschäftsreisen ein Auslaufmodell?

Ob der um die Welt fliegende Manager zum Auslaufmodell wird, ist aus wirtschaftlicher Sicht für viele klassische Fluggesellschaften von grosser Relevanz, denn die Tickets für Business-Flüge sind bekanntlich sehr margenstark. Vieles deutet darauf hin, dass sich die Nachfrage nach Geschäftsflügen auch nach der Pandemie nicht komplett erholen wird. Wir haben bei grossen Schweizer Konzernen nachgefragt, wie sie die Entwicklung einschätzen und was ihre Ziele und Massnahmen sind, um den CO2-Fussabdruck bei Geschäftsreisen zu reduzieren. Auch vom EuroAirport, von der Lufthansa Group und der SWISS, für welche Geschäftsreisen ein zentraler Pfeiler ihres Geschäftes darstellen, wollten wir wissen, wie sie die weitere Entwicklung beurteilen und welche Schlüsse sie daraus für ihr Geschäft ziehen.


Quelle: Wix.com


Viele Fluggesellschaften sind auf Geschäftsreisende angewiesen, denn die Tickets für Business-Flüge sind bekanntlich margenstark. Die Profitabilität von klassischen Airlines wie die Lufthansa oder SWISS hängt stark davon ab, wie viele Geschäftsleute auf den Flügen begrüsst werden können. Durch die zunehmende Globalisierung haben in den letzten Jahren die Geschäftsflüge stetig zugenommen. Doch dann kam die Pandemie vor rund zwei Jahren und mit ihr ein regelrechter Einbruch der Nachfrage. Aktuell sieht es so aus, dass auch nach der Pandemie die Nachfrage nach Geschäftsflügen nicht mehr auf das Niveau vor der Pandemie zurückkehren wird.



Manager schätzen es, weniger im Flugzeug unterwegs zu sein


Es gibt eine Reihe von Gründen, die für eine solche Entwicklung sprechen. Wegen der Pandemie haben viele Manager gelernt, dass wesentlich mehr virtuell durchgeführt werden kann, als man dies bisher angenommen hatte. Man erkannte, dass eine Videokonferenz eine erstaunlich gute Alternative zu einem physischen Meeting ist. Der verfliegende Manager hat zudem festgestellt, dass sich durch den Verzicht auf den ein oder anderen Flug die persönliche Lebensqualität verbessert. So kann man die Zeit und die Energie, die man fürs Reisen durch verschiedene Zeitzonen brauchte, nun für Besseres einsetzen.


Aus der Perspektive der Unternehmen ist die Reduktion von Geschäftsreisen doppelt attraktiv: Sie schont die Umwelt wie auch das Portemonnaie. Und so ist die Zurückhaltung bei Geschäftsreisen bei einigen Unternehmen eine Antwort auf den zunehmend grösser werdenden öffentlichen Druck, sich für mehr Nachhaltigkeit zu engagieren.



Konzerne setzen auf die Reduktion von Geschäftsreisen, um den CO2-Fussabdruck zu senken


Wir wollten von grossen international tätigen Schweizer Konzernen wissen, wie sie zu dieser Thematik stehen. Die Zurich Insurance Group etwa beabsichtigt laut ihrer Medienstelle, die Emissionen bis 2050 auf netto Null zu reduzieren. Die Gruppe habe sich verpflichtet, die ihr zur Verfügung stehenden Möglichkeiten via die operative Geschäftstätigkeit, Kapitalanlagen sowie Produkte und Dienstleistungen voll auszuschöpfen.


Zurich wolle dieses Ziel mit globalen Massnahmen, die primär die Bereiche Reisen, Fahrzeuge, Lebensmittel, Papier und Immobilien betreffen, erreichen. Laut Mediensprecher Thomas Baer beabsichtigt Zurich, die durch geschäftliche Flugreisen weltweit verursachten Emissionen ab 2022 um 70% gegenüber dem Niveau von vor der Pandemie zu senken. Und er präzisiert: «Um diese Reduktion zu erreichen, wird demjenigen, der eine Geschäftsreise plant, beispielsweise angezeigt, wie sich die verschiedenen Optionen auf das Klima auswirken.»


Laut Nicolas Dunant, Leiter der Medienstelle von Roche, ist auch bei Roche eine signifikante Reduktion bei den Geschäftsflügen möglich. Und weiter: «Vor der Pandemie hatte sich Roche eine Reduktion der Geschäftsflüge bis 2025 von 18% gegenüber 2019 vorgenommen. Wir sind derzeit am Prüfen, inwieweit wir dieses Reduktionziel verschärfen wollen.»


Bei Novartis wurde die Geschäftsreisetätigkeit laut ihrer Medienstelle schon in einer frühen Phase der Pandemie ausgesetzt. Ausnahmen bedürfen beim Pharmariesen einer Bewilligung des Senior Managements. Mediensprecher Satoshi Sugimoto ergänzt: «Unabhängig von der jetzigen COVID-19-Situation stehen den Mitarbeitenden verschiedene technische Lösungen für die virtuelle Zusammenarbeit zur Verfügung.


COVID-19 habe die Verwendung und Akzeptanz von virtuellen Meetings signifikant gesteigert, was in Zukunft zu einer neuen Balance zwischen persönlichen und virtuellen Meetings führen werde. Um die höchsten internationalen Standards zu erfüllen, wollen wir bei unseren eigenen Aktivitäten bis 2025 und in unserer Lieferkette bis 2030 CO2-neutral sowie bis 2030 kunststoff- und wasserneutral werden.»


Nestlé hat laut ihrer Medienstelle schon vor der COVID-19-Pandemie die Geschäftsreisen reduziert, um Emissionen, Zeit und Kosten einzusparen. Nestlé Mediensprecherin Ira Pui präzisiert: «Zwischen 2013 und 2019 haben unsere Mitarbeitenden in der Schweiz sowohl die Flugmeilen als auch die Emissionen um rund 35% reduziert. Moderne Kommunikationstechnologien wie Telefon- und Videokonferenzen haben dazu einen wichtigen Beitrag geleistet.» Und weiter: «Seit Ende Februar 2020 haben wir alle unsere Mitarbeitenden dazu aufgefordert, bis auf weiteres keine Geschäftsreisen zu unternehmen. Die Beschränkungen für internationale Geschäftsreisen bleiben vorerst in Kraft.»



Auch Airlines glauben nicht mehr an eine komplette Erholung bei den Geschäftsreisen


Es ist daher wenig überraschend, dass auch die Airlines mittelfristig mit einem Nachfragrückgang von Geschäftsreisen rechnen. Kurzfristig hat sich die Nachfrage gegenüber 2020, dem ersten Pandemie-Jahr, jedoch wieder etwas erholt. So verzeichnet etwa die SWISS insgesamt im 2021 gegenüber 2020 wieder einen deutlich höheren Anteil an Geschäftsreisenden. SWISS Mediensprecher Michael Stief ergänzt: «Der Nachfrageanstieg kommt vor allem von kleinen und mittelständischen Schweizer Unternehmen mit internationaler Ausrichtung. Sie haben erfahrungsgemäss einen sehr starken Bedarf an persönlichen Kontakten.» Laut Stief erwartet die Tochter der Lufthansa bis 2023 insgesamt einen Nachfragerückgang von rund 20% gegenüber 2019, insbesondere im Geschäftsreise-Segment.


Die Konsequenzen dieses Trends auf SWISS umreisst er wie folgt: «Wir berücksichtigen diese Entwicklung bei der Planung unserer künftigen Flottengrösse und -zusammenstellung sowie bei der Weiterentwicklung unseres Netzwerkes. Neben der beschlossenen Reduktion der SWISS-Flotte um 15% gegenüber 2019 passen wir beispielsweise die Frequenzen an unsere Ziele je nach geschäftlicher und touristischer Nachfrage an. Auch bei der Auswahl neuer Destinationen setzen wir besonders auf die Attraktivität für Freizeit- und Besuchsreisende, da sich dieses Segment schneller erholen wird als das Geschäftsreisesegment. Wir beabsichtigen jedoch, für Geschäftsreisende weiterhin die relevanten Ziele mit einem attraktiven Flugplan abzudecken.»


Die Lufthansa Group sieht im Geschäftsreiseverkehr deutliche Wachstumsraten in 2021 gegenüber 2020. Laut den Ausführungen von Bettina Rittberger, Mediensprecherin der Lufthansa Group, sind persönliche Meetings für die Geschäftsanbahnung und für den Kundenkontakt weiterhin unerlässlich. Videokonferenzen würden nur wenige Dienstreisen dauerhaft ersetzen können. Und sie präzisiert: «Wir sehen auch, dass kleine und mittelständische Unternehmen stärker Geschäftsreisen buchen. Hier erwarten wir auch in Zukunft eine größere Nachfrage. Sie haben einen höheren Reisebedarf, um Kunden oder Lieferanten persönlich zu treffen, während Grossunternehmen oft über Niederlassungen oder lokales Personal verfügen. Mittelfristig gehen wir davon aus, dass Geschäftsreisen wieder auf 90 Prozent des Vorkrisenniveaus zurückkommen werden.“


Laut Matthias Suhr, Direktor des EuroAirports hat die Corona-Krise vor allem Auswirkungen auf den Geschäftsreiseverkehr: «Während sich die beiden Bereiche Besuch von Freunden und Angehörigen sowie Freizeitverkehr derzeit relativ rasch erholen, ist der Geschäftsreiseverkehr auch am EuroAirport drastisch eingebrochen. Wir gehen aber davon aus, dass sich auch das Segment der Geschäftsreisen kontinuierlich erholen wird. Ob Business-Flüge allerdings den ursprünglichen Anteil erreichen werden, ist heute nicht vorherzusagen.»


Gefragt nach den Auswirkungen dieser Entwicklungen auf die Strategie des EuroAirports, meint Matthias Suhr: «Die Strategie des EuroAirports ist auf drei strategischen Geschäftsfeldern aufgebaut. Einerseits sind dies der Passagierverkehr, welcher rund 80 Prozent des Umsatzes ausmacht, andererseits die Fracht einschliesslich Vollfracht und Expressfracht und der auf Wartung und Umbau von Flugzeugen spezialisierte dritte Geschäftsbereich Industrie. Schon vor der Pandemie lag der Hauptanteil der Passagiere am EuroAirport im Bereich Besuch von Freunden und Angehörigen sowie im Freizeitverkehr.» Und weiter: «Der Flughafen wird aber auch künftig gute Voraussetzungen für den Geschäftsreiseverkehr, welcher für die Region besonders wichtig ist, schaffen. Die mehrfach prämierte Skyview-Lounge ist ein starkes Zeichen hierfür.»