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Interview mit Flughafendirektor Matthias Suhr über die Lehren aus der Pandemie

Nach beinahe zwei Jahren stehen die Zeichen seit Mitte Februar gut, dass die Pandemie bald hinter uns liegen wird. Matthias Suhr, Direktor des EuroAirports, rechnet im 2022 mit etwa zwei Dritteln des Verkehrsvolumens des Rekordjahrs 2019, was rund 6,2 Millionen Passagieren entspricht. Das zweite Standbein des EuroAirports, das Frachtgeschäft, welches im letzten Jahr zulegen konnte, wird sich laut Suhr auch im Jahr 2022 weiterhin gut entwickeln. Wir unterhielten uns mit ihm auch über die wichtigsten Lehren aus der Pandemie sowie die Stimmung in der Belegschaft. Ausserdem wollten wir von ihm wissen, wie es um die aktuellen Investitionsvorhaben steht und wie es mit dem geplanten Bahnanschluss weiter geht.



So langsam kommen wir aus der Pandemie heraus. Was sind die drei wichtigsten Lehren für Sie als Flughafendirektor?


Erstens Flexibilität, zweitens Flexibilität und drittens Flexibilität. Es kam oft anders, als wir gedacht haben. Vieles war nicht planbar, da viele wichtige Entscheide ausserhalb des Flughafens gefällt wurden. Wenn man in einer solchen Phase nicht flexibel ist, dann macht man etwas falsch.



Gibt es Dinge, die Sie anders machen würden?


Es ist immer einfacher, nach einer Krise zu urteilen, was man anders hätte machen sollen. Sicherlich werden wir uns Zeit nehmen, Bilanz zu ziehen. Dafür ist es jedoch im Moment noch zu früh.



Und was sind die Dinge, die der Flughafen aus heutiger Sicht gut gemacht hat?


Was man sicher nicht schlecht gemacht hat, ist das frühzeitige und starke Drehen an der Sparschraube. Wir wussten dazumal noch nicht, welche grossen negativen Effekte die Pandemie auf unseren Flughafen haben wird. Dieser frühzeitigen Reaktion haben wir es zu verdanken, dass wir heute finanziell gut dastehen und auch nicht – abgesehen von der Kurzarbeitsentschädigung –, auf staatliche Beihilfen angewiesen waren.



Die Pandemie dauert nun bald zwei Jahre. Wie nehmen Sie die Stimmung bei Ihrer Belegschaft heute wahr?


Im letzten November haben wir die regelmässig stattfindende Mitarbeiterbefragung durchgeführt. Daraus ergaben sich im Wesentlichen zwei Schlussfolgerungen: Die Mitarbeitenden sind nach zwei Jahren Pandemie und unklaren Perspektiven müde. Gleichzeitig haben die Mitarbeitenden in der Befragung auch ein Grundvertrauen in die weitere Zukunft der Luftfahrt und des EuroAirports zum Ausdruck gebracht.



Was bedeutet das bevorstehende Pandemie-Ende für den Flughafen?


Zuerst einmal eine Erleichterung für die Operationen. Gerade beim Check-in brauchten die Passagiere deutlich mehr Zeit wegen den unterschiedlichen länderspezifischen Bestimmungen rund um die Pandemie. Dort kam es auch immer wieder zu schwierigen Situationen zwischen den Passagieren und dem Check-in-Personal sowie der Passkontrolle. Die Normalisierung wird daher zu deutlichen Erleichterungen für die Passagiere wie auch für das Personal des Flughafens und der Flughafen-Partner führen.



Und nun wagen wir einen Blick in die Kristallkugel: Insgesamt begrüsste der Flughafen im 2021 3,6 Millionen Passagiere. Wie viele werden es im laufenden Jahr sein?


Eine Prognose ist sehr schwierig. Wir gehen aber davon aus, dass wir etwa zwei Drittel des Verkehrsvolumens des Rekordjahrs 2019 haben werden, was rund 6,2 Millionen Passagieren entsprechen würde. Dafür brauchen wir eine deutliche Steigerung im Vergleich zum letzten Jahr, in dem wir nur 3,6 Millionen Passagiere hatten. Diese Steigerung müsste vor allem im ersten Semester erfolgen, da wir im zweiten Halbjahr 2021 relativ gut gearbeitet haben. In dieser Periode konnte man dank des Zertifikats beziehungsweise des Impfpasses wieder einfacher reisen. Alles hängt aber vom weiteren Verlauf der Pandemie bzw. von möglichen Virus-Varianten ab.



Das Frachtvolumen stieg im letzten Jahr um 10% auf 119 000 Tonnen. Geht dieser Wachstumstrend weiter?


Wir gehen davon aus, dass die Fracht auch im Jahr 2022 weiterhin gut laufen wird. Der Anstieg im letzten Jahr hatte vor allem auch damit zu tun, dass wir mit der Air Canada einen neuen Vollfracht-Anbieter begrüssen konnten. Air Canada hatte während der Pandemie einige Passagier-Flugzeuge zu Fracht-Flugzeugen umgerüstet. Dazu gehörte auch der Dreamliner, der letztes Jahr ab dem EuroAirport verkehrte. Mit den nun einsetzenden Langstreckenflügen wird wieder mehr Fracht im Bauch der Passagierflugzeuge transportiert, was die Nachfrage nach Vollfrachtflügen etwas dämpfen wird. Die Express-Fracht, die ebenfalls stark von der Pandemie profitierte, wird sich auch weiterhin positiv entwickeln.



Und was erwarten Sie für den Bereich Industrie?


Der Bereich Industrie ist relativ stabil, da man Flugzeuge ja mit einer vorgeschriebenen Regelmässigkeit warten muss.


Sie haben einige Investitionsvorhaben wegen der Pandemie auf Eis gelegt. Welche Projekte werden Sie als erstes wieder auf die Prioritätenliste setzen?


Wir hatten das grosse Glück, dass wir grosse Investitionen vor der Pandemie noch nicht in Angriff genommen hatten. So stoppten wir rechtzeitig die Investitionen in den geplanten Ausbau des Terminals. Wir haben dieses Grossprojekt infolge der Pandemie nochmals diskutiert und sind zum Schluss gekommen, dass wir die Anpassung der Infrastruktur bedeutend vorsichtiger angehen und daher in einzelnen Modulen planen wollen. Der Vorteil dieser Vorgehensweise liegt darin, dass wir flexibler sind und die einzelnen Module in Abhängigkeit von der weiteren Entwicklung des Flugverkehrs realisieren können.



Welche Investitionen tätigen Sie noch in diesem Jahr?


Da wir in diesem Jahr wieder mehr Passagiere begrüssen werden, möchten wir im Jahr 2022 vor allem in Projekte investieren, die den Passagieren zugutekommen. Dabei geht es auch um Investitionen im Ankunftsbereich auf dem zweiten Stock. Es ist unser Ziel, diese Erneuerungen bis Anfang 2023 abzuschliessen.



Wie sieht die Zusammenarbeit des EuroAirport mit der Politik aus?


Wir haben einen sehr direkten und offenen Dialog mit Vertretern der Politik. In unserem Verwaltungsrat sind beispielsweise politische Vertreter aus der Schweiz und aus Frankreich vertreten. Dabei geht es unter anderem um Themen betreffend Zukunft des Flughafens einschliesslich der Themen Klima und Lärm. Diesbezüglich hatten wir in jüngster Zeit mit dem Verbot von geplanten Starts nach 23 Uhr eine wichtige Massnahme umgesetzt; weitere sind in Planung.



Noch kurz zu einem aktuellen Thema: Im Herbst 2021 wurde eine öffentliche Anhörung zum Projekt Bahnanschluss des Flughafens durchgeführt. Wie geht es nun weiter?


Kürzlich wurde ein Bericht über die durch die französischen Behörden durchgeführte öffentliche Anhörung erstellt. Fazit ist, dass die Kommission das Projekt Bahnanschluss einstimmig genehmigt hat. Der Bericht liegt nun bei der «Préfecture» zur Unterschrift. Nach der Unterzeichnung kann das Projekt weitergeführt werden. Weiterführung bedeutet etwa auch, dass SNCF Réseau die nötigen Grundstücke für den Bau der Bahnlinie notfalls mittels Enteignung erwerben kann. Zugleich werden detaillierte Studien und die genauen Modalitäten der Finanzierung erarbeitet.


Einzelne Gemeinden und Parteien haben Kritik gegen das Projekt geäussert. Wie stark sind diese Widerstände?


Ja, das ist richtig. Im Rahmen der Konsultation haben sich einzelne Gemeinden und Parteien gegen den Bahnanschluss geäussert. Sie befürchten vor allem, dass der Bahnanschluss zu mehr Flugpassagieren führen könnte. Im Rahmen der Konsultation wurde eine externe Studie in Auftrag gegeben, welche genau diese Frage prüfte. Sie kam zum Schluss, dass der Anstieg bei den Flugpassagieren aufgrund des Bahnanschlusses bei rund vier Prozent liegen werde. Aus diesem Grund sind aus meiner Sicht diese Widerstände unbegründet und ich rechne damit, dass der Flughafen-Anschluss als Teil des übergeordneten trinationalen S-Bahnnetzes bis 2030 realisiert werden kann.